sportslife

AUSGABE: 08/2017

Fotos: Nadja Maier | Text: Michaela Friz

Rugby gehört in Deutschland zu den exotischen Sportarten. Als neugierige Redaktion finden wir: Zeit, sich den Sport mal genauer anzusehen!

„Komm! Komm! Komm!“ „Dreh dich!“ Wir stehen am Rand eines Rugbyfelds im beschaulichen Nürtingen, die Sonnenstrahlen lassen den Regen der letzten Tage vergessen. „Lass sie nicht durch!“ – „Mach nen Ruck!“ Stollenschuhe beißen sich in den feuchten Rasen. Getümmel. Geschiebe. Gekeuche. „Schön, Florian!“ Trainer Alex hat seine Jungs und Mädels im Griff. „Geh rein, Billy, ja!“ Die Hosenbeine färben sich mit jedem Spielzug erdbrauner. „Bring ihn zu Boden, Karima!“ Die Wangen leuchten rot. Unvermittelt: Abpfiff.

Junger Rugby-Spieler am Boden

Foto: Paolo Bona/Shutterstock.com

Wir stehen am Rand eines Rugbyfelds im beschaulichen Nürtingen – und verstehen überhaupt nichts. Aber genau aus diesem Grund sind wir da. Rugby gehört in Deutschland zu den exotischen Sportarten. Kaum einer weiß, dass wir sogar eine äußerst erfolgreiche Nationalmannschaft haben oder dass es bundesweit möglich ist, Rugby zu spielen. Allein die Zahl der beim Deutschen Rugby-Verband (DRV) gelisteten Vereine beläuft sich auf 123. In den letzten 10 Jahren stieg die Zahl der aktiven Mitglieder um beachtliche 60 Prozent. Rugby ist im Kommen. Als neugierige Redaktion finden wir: Zeit, sich den Sport mal genauer anzusehen!

Dafür ausgesucht haben wir uns den Turnerbund des Nürtinger Teilorts Neckarhausen, der seit 2016 die „Tigers Neckarhausen“ beheimatet. Zu verdanken ist das Trainer und Biolehrer Alexander Bauer, der in der Schule eine Rugby-AG anbietet und wegen des großen Zulaufs hilfesuchend beim TBN anklopfte. „Dass ich dort auf offene Ohren gestoßen bin, ist ein echter Glücksfall“, erklärt er; vielerorts wird Rugby noch nicht ernst genommen. In der Neckarstadt gibt es inzwischen mehrere Mannschaften – ein rasanter Zuwachs innerhalb von nur einem Jahr.

ALEX BAUER
Der gebürtige Bukarester spielte mit Köln in der 1. Bundesliga, später für Stuttgart. Heute kümmert er sich bei den „Tigers“ des TB Neckarhausen mit viel Herzblut um den Rugby-Nachwuchs. Aktuell kommen um die 30 Kinder ins Training – Tendenz stark steigend.

Alex hat Karima zu unserem Gespräch mitgebracht. Sie ist 14, und ihre Mutter war alles andere als erfreut über ihr neues Hobby: „Das ist ein Männersport!“ – Karima blieb trotzdem.

Der für sein Alter sehr große Teenager wirkt massig und mag den Körpereinsatz beim Rugby. „Tackeln macht mir am meisten Spaß“. Was ist Tackeln?, haken wir nach. „Tiefhalten. Ein Versuch, an die Beine zu gehen und den Gegner zu Boden zu bringen. Tackeln ist die Verteidigungsform“, springt Alex ein. Und was ist dann ein Angriff? Karima: „Vorrennen und versuchen, den Ball hinter die Linie zu bringen.“ Jetzt wollen wir es doch genauer wissen. Wie funktioniert das Spiel, zumindest mal so ganz grob?

Alex: „Rugby wird mit der Hand und dem Fuß gespielt, aber eher mit der Hand. Nach vorn darf nur mit dem Fuß gespielt werden, zur Seite und nach hinten mit der Hand.“ Ist ein Spieler im Ballbesitz, darf er von der gegnerischen Mannschaft zu Fall gebracht werden (tackeln). Sobald er am Boden liegt, muss er den Ball sofort freigeben. Den kann sich die andere oder eben die eigene Mannschaft schnappen, je nachdem, wer schneller am Ball ist. „Das Ziel ist, den Ball so schnell wie möglich zu spielen und den Gegner nicht zu verletzten. Aushebeln ist nicht erlaubt.“ Okay.

Rugby-Spieler beim Tackeln

Überhaupt ist Rugby wohl ungefährlicher, als es aussieht. Es gibt klare Regeln, und auf Respekt, auch vor dem Gegner, wird extrem viel Wert gelegt. „Rugby ist ein Spiel für Hooligans, das von Gentlemen gespielt wird. Fußball ist ein Sport für Gentlemen, der von Hooligans gespielt wird“, lautet eine gern zitierte Definition. Das gilt nicht nur für die Profis, das gilt auch in Neckarhausen. Der Umgang miteinander ist fair; wer den Schiri anmault, fliegt 10 Minuten vom Feld. Rumgehample im Training wird mit Strafen wie Extrasprints zum Tor „honoriert“.

Apropos Tor: Beim Rugby besteht es aus H-förmig angeordneten Stangen. Hinter diesem Tor befindet sich das sogenannte Malfeld. Legt man im gegnerischen Malfeld einen Ball mit den Händen ab – was das Ziel jedes Spielzugs ist – nennt man das „Versuch“ (Try) . Ein „Versuch“ gibt 5 Punkte und ist die Basis dafür, auf das Tor schießen zu dürfen. Als Treffer gilt, wenn der Ball zwischen die Seitenstangen und über die Querstange gekickt wird. Ein in ein Tor verwandelter Versuch heißt „Erhöhung“ und gibt 2 Punkte. Pro Spielzug kann man also maximal 7 Punkte erreichen. Und dann gibt es noch die Version, in der der Ball direkt aus dem Spiel heraus ins Tor gekickt wird, das gibt 3 Punkte. Liebe Leser, seid ihr noch bei uns?

Rugbyball im Gras„Bei den Spielertypen unterscheidet man grundsätzlich zwischen Dreiviertel und Sturm“, versucht uns Alex weiterhin geduldig die Grundlagen zu vermitteln, während wir an unseren Apfelsaftschorlen nippen. Die Dreiviertel sind die schnellen, wendigen Leute; hier gilt es, so wenig Körperkontakt wie möglich zu haben. Die Stürmer sind eher kräftig und unter Umständen auch langsamer. Karima ist laut Alex ein unglaublich starker Stürmer – aufgrund ihrer Statur und weil sie den Kontakt mag. Sie selbst sagt eher schüchtern:

Beim Rugby kann ich zeigen, dass ich stark bin.

Rugby eignet sich für alle Kinder, so Alex, „es deckt alle Körper- und Charaktertypen ab. Ich brauche jeden. Karima hat mir das anfangs auch nicht geglaubt. Egal ob jemand klein und langsam ist – der kann die Bälle verteilen – oder groß und langsam. Letzterer kann sich durchsetzen und schafft es, die Bälle zu sichern. Auch jemand, der schmächtig ist, aber schnell mit dem Ball, ist top. Er kann durch die Reihen durchlaufen und dann die Punkte machen.“ Seine Augen leuchten, die Hände unterstreichen seine Ausführungen. So sieht Liebe zum Sport aus. Alex sieht seine Aufgabe als Trainer darin, „dass die Kinder beim Spielen einfach unglaublich Spaß haben.“ Auf dem Feld und an den steigenden Spielerzahlen sieht man, dass sein Ansatz aufgeht.

Pfiff. Neuer Spielzug auf dem Rasen. Plötzlich bleibt Billy (12) mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Er greift sich an den Rücken, spuckt den Mundschutz aus und lässt sich außerhalb des Spielfelds ins Gras fallen. Kurz darauf trabt er wieder zurück zu seiner Mannschaft. Gleich nach dem Training bitten wir ihn mit noch erhitzt-rotem Kopf vors Mikrofon.

Junger Rugby-Spieler beim Kicken

Foto: Paolo Bona/Shutterstock.com

BILLY V.
Alter: 12
Verein: TB Neckarhausen
Mannschaft: Tigers Neckarhausen, U12
Position: unterschiedlich, 13 oder 12 Outside Center
Spielt Rugby seit: 2016

ICH WAR MAL IM FUSSBALLVEREIN, ABER NUR FÜR 10 MINUTEN

 Hallo Billy, geht’s wieder? Das sah ja kurz böse aus. 
Ja, danke, geht schon.

 Viele Jungs in deinem Alter spielen Hand- oder Fußball. Wie kamst du denn ausgerechnet auf Rugby? 
Ich habe mit einem Freund ein Video angeguckt über viele Sportarten, und da war auch Rugby dabei. Wir fanden das beide cool. Und dann wollte ich das mal ausprobieren.

 Habt ihr das auf YouTube gesehen? 
Ja, genau.

 Was genau macht Rugby zu einer Sportart, die dir gut gefällt? 
Dass man viel Körperkontakt hat, nicht so wie beim Fußball.

 Hast du davor Fußball gespielt? 
Ich war mal im Fußballverein, aber nur für 10 Minuten oder so … und dann hatte ich irgendwie keinen Bock.

 Das ging aber schnell. 
(lacht) Ja, also Fußball im Verein ist nichts für mich.

 Kannst du uns erklären, wie Rugby funktioniert? Wir haben wirklich keine Ahnung davon. 
Eine Mannschaft hat immer den Ball und muss versuchen, rüber zur anderen Mannschaft hinter die festgelegte Linie zu kommen. Und währenddessen darf man nur nach hinten passen, nicht nach vorne. Oder kicken kann man auch, wenn man will.

 Also nach vorne darf man kicken, aber nicht passen? 
Ja, und wenn alle rennen und nach hinten passen, dann kommt man ja auch nach vorne.

 Was passiert, wenn man nach vorne spielt? 
Das heißt Vorball. Danach gibt es ein Gedränge. Also da sind dann von jeder Mannschaft eine Reihe mit drei Leuten und dazwischen eine Reihe mit zwei Leuten. Die gehen mit der anderen Mannschaft zusammen und schieben sich gegenseitig weg, in der Mitte liegt der Ball. Die gewonnen haben, dürfen den Ball nehmen. Aber in unserer Jugend rollt ein Spieler den Ball rein und wir müssen hakeln.

 Ok. Das grobe Prinzip haben wir verstanden, die – äh – Details lassen wir jetzt einfach weg. Unsere nächste Frage ist einfacher, Billy: Rugby sieht für Zuschauer brutal aus. Wie seid ihr denn geschützt? 
Wir haben einen Mundschutz, den macht man sich zwischen die Zähne. Aber sonst eigentlich nichts. Ah, doch, manche von den Großen tragen noch eine dünne Mütze auf dem Kopf. (Soll die Ohren schützen, Anm. d. Redaktion.)

 Wir haben gesehen, dass ihr Stollenschuhe tragt. 
Ja, damit man nicht so rutscht.

 Was war dein bisher blödestes Erlebnis beim Rugby? 
Da haben wir gegen Stuttgart gespielt. Es gibt ja eine Try Line (dt.: Mallinie), also die Linie, hinter der man den Ball ablegt. Ich habe die Linie mit einer anderen verwechselt, deshalb habe ich den Ball davor abgelegt. Ich habe mich schon gefreut, weil eigentlich war ich ja durchgekommen und hatte einen Punkt geholt. Da hab ich mich ziemlich aufgeregt.

 Verständlich! Und welches war das schönste Erlebnis? 
Nichts Spezielles. Eigentlich ist alles gut.

 Warum würdest du dein Team gegen kein anderes auf der Welt eintauschen wollen? 
Weil ich die alle kenne und die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

 Und was willst du mit deinem Team noch erreichen? 
Öfters gegen Heidelberg gewinnen! Und gegen Frankfurt. Das sind eigentlich so die besten.

Rugby-Spieler beim Angriff

Foto: Paolo Bona/Shutterstock.com

RUGBY – DAS IST GUT ZU WISSEN
Infos im Netz z. B. auf www.rugby-verband.de (mit Vereins-Finder), www.totalrugby.de und www.planetrugby.de // Übertragungen im TV: Sport 1 // Startalter: 6 Jahre. Die Kleinen spielen noch ohne, ab U14 mit Tor // Pflichtausstattung: Mundschutz, Stollenschuhe und reißfestes Trikot // Besonderheit in Deutschland:
Da es für reine Mädchen-Mannschaften meist nicht genug Spielerinnen gibt, dürfen sie bis 15 Jahre bei den Jungs mitspielen.

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