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AUSGABE: 05/2018

Wie praktisch: kein Visum für die Einreise, bezahlt wird in Euro

Stefan Schlett läuft einen außergewöhnlichen Lauf nach dem anderen. 2017 stand u.a. der GuardaRun auf seiner Liste: sechs Etappen auf sechs Inseln, 114 Kilometer durch den karibischen Archipel von Guadeloupe.

Der erste Tag des GuadaRun beginnt bei 5 °C in aller Herrgottsfrühe am nasskalten Frankfurter Flughafen. Wenige Stunden später treffen über 50 Laufenthusiasten aus sieben Ländern mit Ziel Guadeloupe am Pariser Flughafen aufeinander. Nach acht Flugstunden empfängt uns Lucien Datil, der einheimische Erfinder des Laufs, in Pointe-à-Pitre. Im Reisebus geht’s quer über die Insel nach Basse-Terre, dem linken „Flügel“ der schmetterlingsförmigen Doppelinsel Guadeloupe. In einem lauschigen Park namens Jardin d’Eau (dt. Wassergarten) wird das erste Camp am Fuße des Vulkans La Soufrière aufgebaut. Dazu erhält jede Läuferin und jeder Läufer sein persönliches „Zwei-Sekunden-Zelt“, das durch ein spezielles Spannsystem tatsächlich in der genannten Zeit einwandfrei steht. Voilà – so endet der Tag bei 25 °C unter Palmen und einem herrlichen Vollmond!

Die erste Etappe: Schlammzombies im Wassergarten

Die erste ist zugleich die technisch anspruchsvollste Etappe. Dunkler, feuchter Bergdschungel verschluckt die Läufer. Der Regen der vergangenen Tage hat die steilen und von dickem Wurzelwerk durchzogenen Pfade in Schlammrutschbahnen verwandelt. Vorbei an einem tief im Urwald liegenden Wasserfall muss ein halbes Dutzend Flüsse durchquert werden, und in tiefem Morast geht es teilweise nur auf allen Vieren voran. Zu der animalischen, 19 Kilometer langen Schlammparty müssen noch etliche Höhenmeter beackert werden. Was für ein Glück, dass der Zieleinlauf im Jardin d’Eau stattfindet, wo aus den Schlammzombies wieder Menschen werden.

Nur eine halbe Fährstunde südlich liegt der Archipel der Les Saintes mit neun kleinen Inselchen. Christoph Kolumbus entdeckte sie am 4. November 1493 und benannte sie nach dem gerade begangenen Feiertag Allerheiligen. Die beiden einzigen bewohnten Inseln beherbergen insgesamt 3.000 Menschen und sind Schauplatz der nächsten Etappen.

Die zweite Etappe: läuferisches Multitasking

Zuerst wird das größte Eiland der Les Saintes erobert, Terre-de-Haut. Das Leben hier ist beschaulich, recht französisch in seiner Erscheinung und von vorwiegend mediterraner Ausstrahlung. Vulkanische Hügel und tiefe Buchten prägen die Landschaft. Die zweite Etappe hat eine historische Dimension. Fast auf den Tag genau vor 235 Jahren kam es auf dem Kanal zwischen den Saintes und der Nachbarinsel Dominica zum „Trafalgar der Antillen“: England gegen Frankreich. Die Schlacht endete für die Franzosen mit dem Verlust ihrer gesamten Flotte. Verlustfrei ist der 14-Kilometer-Lauf, bei dem keine Ecke und kein Berg von Terre-de-Haut ausgespart wird. Auf Trails zum Morne Morel, auf Asphalt zum Fort Napoléon, im Slalom durch Touristenhorden im Hafen, über steile und felsige Trails hinauf zum Le Chameau, auf fast senkrechten Betonpisten wieder runter und auf tiefen Sandpassagen über den rauen Strand von Grande Anse. Läuferisches Multitasking!

Guadarun-(27)

Die dritte Etappe: knackig durchs Unterholz

Weiter geht es nach Terre-de-Bas, eine ruhige, von Nachfahren afrikanischer Sklaven bewohnte Insel. Hier warten 15 heiße und trockene Kilometer, die mit zwei steilen Bergen garniert sind. Auf acht Kilometer einspurige Betonpiste, die die beiden einzigen Ortschaften miteinander verbinden, folgt ein knackiger und anspruchsvoller Trail durchs Unterholz. Dazwischen eröffnen sich immer wieder beeindruckende Ausblicke, und als Belohnung wartet der Zieleinlauf oberhalb einer lauschigen Bucht mit Traumstrand.

Vierte Etappe: rasiermesserscharfe Kalksteinformationen

Noch am gleichen Tag ziehen wir 80 Fährminuten weiter, dort wartet die Zuckerrohrinsel Marie-Galante. Kolumbus, der sie am 3. November 1493 sichtete, gab ihr den Namen seines Flaggschiffs „Santa Maria Galanda“. Im frühen 18. Jahrhundert gab es hier an die 100 Zuckerfabriken, heute ist es nur noch eine. Außerdem sind noch drei Destillerien in Betrieb. Der dort produzierte Rum gehört zu den erlesensten Tropfen weltweit! Der reizvolle Strand im Südosten der Insel ist für eine Nacht unser Quartier. Früh am nächsten Morgen Aufbruch zum 21-Kilometer-Lauf, dessen Strecke die vielfältige Vegetation von Marie-Galante widerspiegelt: Steppen- und Weideland, Dornenbüsche, herrliche Singletrails durch saftige, feuchte Wälder und zerklüftete Küsten mit rasiermesserscharfen Kalksteinformationen.

Fünfte Etappe: Anreise per Katamaran

Next stop: La Désirade. Christoph Kolumbus entdeckte die 11 Kilometer lange, 2 Kilometer breite und 273 Meter hohe Insel 1493 nach einer langen, entbehrungsreichen Überfahrt und nannte sie daher „La Deseada“ – die Ersehnte. Ruhe und Einfachheit zeichnen diesen tafelförmigen Kalksteinfelsen mit 1.600 Einwohnern aus, der auf einem vulkanischen Sockel ruht. Wir erreichen die  Insel mit dem Katamaran in 1,5 Stunden. Am Beauséjour-Strand, direkt neben dem Hauptort Grande-Anse, wird am Nachmittag unter Palmen das Camp aufgebaut. Mit 22 Kilometern ist die Etappe am nächsten Tag fast ein komplettes Inselsightseeing. Zuerst 10 wellige Kilometer über die D 207, Désirades einzige Straße, bis zu den Ruinen der alten Leprastation, die 1728 errichtet  wurde und 200 Jahre in Betrieb war; ab 1763 wurden dann auch Straftäter auf die Insel verbannt. Gleich darauf wird an der Ostspitze Désirades der Leuchtturm am Pointe Double passiert. Ein spontaner Beobachtungshalt beschert dem neugierigen Reporter die spannende Begegnung mit einem fast einen halben Meter großen und gar nicht scheuen Riesenleguan! Ernüchterung bringt der steile Aufstieg auf das 273 Meter hoch gelegene Kalkplateau Grande Montagne in der Mittagshitze, das auf Schotterpisten überquert wird. Nach steilem Abstieg erfolgt dann der Zieleinlauf direkt an unserem palmengesäumten Traumstrand Beauséjour.

Sechste Etappe: anstrengender Abschluss

Mit dem Boot geht es zurück zum „Festland“ von Guadeloupe. Das kalkhaltige Inselplateau von Grande-Terre, dem rechten „Schmetterlingsflügel“, verlangt mit der finalen und längsten Etappe über 23 Kilometer noch einmal Standvermögen. Die faszinierende Küstenlandschaft mit weißen Sandstränden, türkisfarbenen Lagunen und unzähligen zackigen Trails ist purer Laufgenuss.

Der siebte Tag ist endlich der verdiente Ruhetag. Optional steht morgens ein Fun Run über 14 Kilometer auf dem Programm, den fast alle Teilnehmer/-innen und auch einige der Organisatoren mitlaufen. Mit einer feierlichen Siegerehrung am Abend findet das einwöchige Insel-Hopping seinen würdigen Abschluss.

Infos zu Guadeloupe, der Karibik der EU

Lage: Karibik, Kleine Antillen / Einwohner: 403.000 / Flüge: täglich nonstop von Paris (z. B. Corsair, Air France), Flugdauer: 8 Stunden / Visum & Einreise: Da das französische Übersee-Département zur EU gehört, brauchen Deutsche bei Direktflügen kein Visum und nur einen Personalausweis / Währung: Euro / Mehr Infos unter www.guadeloupe-inseln.com und www.guadarun.com

Portrait_Schlett

EXPERTEN-TIPP:
„Ein Ultramarathon wird im Kopf gelaufen.“
Stefan Schlett ist Extremsportler, Weltrekordhalter, Abenteurer, Grenzgänger und Journalist

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