sportslife

AUSGABE: 02/2018

Fotos: Olivia Pala | Text: Carina Mehlis

Neulich in der Redaktionssitzung: Eine Kollegin erzählt von Krav Maga und die meisten verstehen nur Bahnhof. Für diejenigen unserer Leser, denen es auch so geht: Es ist hebräisch, bedeutet „Kontaktkampf“ und basiert auf Techniken der israelischen Armee. In Deutschland hat sich Krav Maga als 360-Grad-Abwehr in der Selbstverteidigung einen Namen gemacht. Der Vorteil für Einsteiger: Es soll leicht zu lernen sein und schon ab dem ersten Training angewendet werden können. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein? Das dachten wir uns auch – und haben es für euch ausprobiert.

SL_FR_18_DS_WEB-47Ein Mittwochabend im Winter, 18 Uhr. Zu dritt treffen wir uns hinter einem Rewe-Markt in Kirchheim unter Teck in einem schwach beleuchteten Durchgang. Eine schwere Metalltür führt uns in einen großen, mit Neonröhren beleuchteten Trainingsraum. Der Boden besteht aus einem einzigen, von Wand zu Wand reichendem Mattenteppich. Unsere Straßenschuhe müssen wir davor ausziehen, dann begrüßt uns Trainer Peter Taubert mit einem festen Handshake und drückt jedem von uns einen Tiefschutz in die Hand. Verdattert schauen wir darauf. Jetzt wird uns klar, warum man zum Krav Maga besser lockere Kleidung trägt: Das Ding muss unter die Sporthose.

Wie läuft das Training ab?
Zu Beginn stellen sich alle in einer Linie vor Peter auf. Auf traditionelle Kampfsportart verneigt man sich voreinander, ein lautes „Ossss“ hallt durch den Raum. Dann wird erst einmal der Puls hochgefahren: 20 Liegestütze, 20 Sit-ups, 20 tiefe Kniebeugen, dann ein paar Runden durch den Raum laufen und hüpfen. Zum Abschluss des Aufwärmtrainings wird gedehnt. Arme und Beine sind Standard, bei der Hand- und Fingerdehnung wird es tricky. Den Daumen an den Unterarm zu drücken ist leicht unangenehm, tut den Bürohänden aber auch irgendwie gut. Noch einmal alles lockermachen, dann beginnt die Krav-Maga-Einheit. Peter und ein fortgeschrittener Krav-Maga-Kämpfer, Alex, führen uns einige Angriffsszenarien vor und Peter erklärt, wie man sich in den einzelnen Fällen am besten verteidigt. Jede Situation üben wir anschließend selbst ein paar Minuten lang mit einem erfahrenen Trainingspartner.

 

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Was wird trainiert?
Konkret lernen wir, wie man sich verteidigt, wenn man von vorne angegriffen wird oder einem jemand in der Bahn zu nahe kommt, wenn man von hinten gepackt oder am Boden liegend gewürgt wird. Gearbeitet wird mit natürlichen, instinktiven Reaktionen, Griff- und Hebeltechniken sowie Tritten und Schlägen. Gerade bei Letzteren – das lernen wir schnell – lautet die Devise „Immer auf die Eier“. Oder eben dorthin, wo es sonst noch so richtig wehtut. Denn, so wiederholen unsere Trainingspartner immer wieder, wenn sich uns jemand auf diese Weise nähert, will er nicht mehr nur nach der Telefonnummer fragen. Dann sind alle Mittel erlaubt, um heil aus der Situation herauszukommen.

SL_FR_18_DS_WEB-48Wie war’s?
Die einzelnen nachgespielten Situationen halfen gut, sich in eine Gefahrenlage hineinzuversetzen. Trotzdem hatten wir alle am Anfang starke Hemmungen, zuzuschlagen oder zuzutreten. Es waren einige deutliche Aufforderungen wie „Mach mal richtig, ich spüre gar nichts!“ oder „Jetzt tret mal richtig zu!“ nötig, bis wir uns trauten, mehr Power in unsere Schläge und Tritte zu packen. Da wir uns beim Angreifen und Verteidigen abwechselten, bekamen wir auch selber zu spüren, warum wir einen Tiefschutz trugen. Denn ein Tritt in die tieferen Regionen ist auch für Frauen nicht angenehm.

Wir lernten auch, wie die einzelnen Kniffe beim Angreifer wirken. So gibt es beispielsweise einen einfachen Griff ums Handgelenk, bei dem gleichzeitig die Hand zum Körper gebogen wird. Richtig ausgeführt zwingt er den Angreifer dabei automatisch in die Knie – und das, ohne dass man dafür Kraft aufwenden müsste. Auch am Boden liegend jemanden von sich herunterzurollen, der zwei Köpfe größer und einige Kilos schwerer ist, geht mit der richtigen Technik ganz leicht. Zum Ende der eineinhalb Stunden rauchte uns allerdings allen der Kopf und die Konzentration ließ deutlich nach. Sich das alles zu merken, ist für Einsteiger doch gar nicht so einfach.

 

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Was hat’s gebracht?
Wir haben alle den ein oder anderen blauen Fleck mit nach Hause genommen, aber auch eine gute Portion Sicherheit und Selbstbewusstsein. Die einzelnen Bewegungsabläufe sind eigentlich logisch, und obwohl wir nur einen Bruchteil aller Griffe und Techniken und die auch nur kurz geübt haben, haben wir das Gefühl, im Ernstfall zu wissen, wie wir uns schützen können. Den Muskelkater am nächsten Tag lassen wir an dieser Stelle besser mal außen vor …

sportslife-Fazit – kurz und knapp
Krav Maga macht Spaß und ist selbst für absolute Anfänger schon ab dem ersten Training effektiv. Um im Fall der Fälle aber alle Griffe reflexartig abrufen zu können, sollte man regelmäßig trainieren.

 

TRAINER-TIPP
Wer sich für Krav Maga interessiert, dem empfiehlt Peter Taubert, zunächst ein Probetraining zu machen. Eine seriöse Trainingsgruppe erkennt man daran, dass das Training nur zum Aufwärmen aus einer kurzen Fitnesseinheit besteht, ansonsten aber die Verteidigungstechniken im Vordergrund stehen. Ein guter Anhaltspunkt für Seriosität ist die Zugehörigkeit zu einem Krav-Maga-Verband. In Kirchheim ist dies IKMI (International Krav Maga Institute).

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