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AUSGABE: 02/2018

Text: Carsten Meyer

Getrübte Vorfreude

Lange Zeit galt der südkoreanische Wintersport-Fan als eine Art olympisches Mysterium. Es war sicher, dass es ihn gibt, sogar in nicht unerheblichem Ausmaße. Aber auf den Straßen der Austragungsstädte begegnete man ihm so gut wie nie. Was wohl daran lag, dass er Tag und Nacht in der Eishalle auf den nächsten Shorttrack-Wettbewerb wartete. Die Südkoreaner lieben Shorttrack. Wenn sie überhaupt mal ihren Platz verließen, dann nur, um kurz beim Eiskunstlauf oder Eisschnelllauf vorbeizuschauen. Und wenn man sie fragte, ob sie sich nicht mal andere Sportarten anschauen wollten, bekamen sie große Augen und fragten ehrlich erstaunt: „Was für andere Sportarten?“

Das alles wäre gar nicht groß der Rede wert, wenn nicht ausgerechnet in Pyeongchang vom 9. bis zum 25. Februar 2018 die nächsten Winterspiele stattfinden würden. Sicher ist: Bei den Shorttrack-Wettbewerben wird der Bär steppen. Aber als ein Jahr vor den Spielen der Langlauf-Weltcup zu Besuch war, hätte man mit jedem Zuschauer persönlich ins Gespräch kommen können. Mehr als 50 waren es nicht. Und Gian Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes, merkte Ende Oktober besorgt an: „Der internationale Kartenvorverkauf liegt noch fast bei null.“ Der nationale ist auch nur unwesentlich drüber. Doch schon Mitte des Jahres beruhigte ein Sprecher: „Koreaner sind als Last-Minute-Käufer bekannt.“ Und siehe da: Ende Dezember gab das Organisationskomitee bekannt: 61 Prozent aller Tickets wären verkauft, auch Karten für den Langlauf seien sehr begehrt. Einen Plan B hatte Organisationschef Lee He-Beom auch schon frühzeitig skizziert: „Zur Not sollen Erziehungsministerium, regionale Behörden und Bankeninstitute Mitarbeiter in die Arenen schicken.“ Problem gelöst.

 

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SiHo / Shutterstock.com

APRÈS-SKI AUF SÜDKOREANISCH
STATT GLÜHWEIN UND WILLI GIBT ES SOJU, VERDÜNNTEN REISSCHNAPS. UND ZIEMLICH SICHER KARAOKE!

 

Sie haben in Pyeongchang so lange um die Spiele gekämpft. 2010 und 2014 waren sie knapp gescheitert, 2018 klappte es endlich. Der Jubel war riesig, die Vorfreude ebenfalls. Deshalb sind sie fest entschlossen, sich von nichts und niemandem die gute Laune verderben zu lassen. Auch nicht davon, dass es nur 80 Kilometer bis zur nordkoreanischen Grenze sind und der eine oder andere sich Sorgen um die Sicherheit von Athleten und Besuchern macht. Und zumindest in diesem Punkt ist auch Kasper geneigt, Entwarnung zu geben: „Pyeongchang wird während der Olympischen Spiele der sicherste Ort der Welt sein.“

Und natürlich werden diese Spiele auch sonst perfekt organisiert sein. Es wird keine Probleme mit halbfertigen Sportstätten geben – und zu keinem Wettkampfort beträgt die Fahrtzeit länger als eine Stunde. Wer beispielsweise 2006 in Turin den Großteil seines Tages in irgendwelchen Bussen verbringen musste, wird das zu schätzen wissen.

 

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Zu sehen gibt es 102 Entscheidungen. Neu im Programm sind: Snowboard Big Air, Curling Mixed, alpine Teamwettbewerbe für Männer und Frauen sowie Eisschnelllauf Massenstart. Gestrichen wurde der Parallelslalom bei den Snowboardern. Es gibt also vier Medaillenmöglichkeiten mehr als in Sotschi 2014. Damals gewannen die Deutschen 19 Medaillen, das ist auch dieses Mal wieder das Mindestziel. Die Hoffnungen ruhen dabei vor allem auf:

Laura Dahlmeier: Wäre Laura Dahlmeier ein eigener Staat, sie hätte gute Chancen auf eine ordentliche Platzierung im Medaillenspiegel der Nationen. Bei der letzten WM in Hochfilzen räumte sie mal kurz fünf Goldmedaillen ab und erklärte später: „Ich hatte einen Flow.“ Im Verband hätte niemand etwas dagegen, wenn sich das in Pyeongchang wiederholen würde. Die Erwartungen sind hoch. Das weiß Dahlmeier. Sie weiß aber auch, dass sich eine derartige Erfolgsbilanz nicht beliebig wiederholen lässt. Deshalb sagt die 24-Jährige: „Wenn ich einmal Gold holen würde, wäre ich superglücklich.“

Johannes Rydzek: Was Laura Dahlmeier bei den Biathletinnen ist, ist Johannes Rydzek bei den Nordischen Kombinierern. Die Konkurrenz hatte bei der letzten WM in Lahti jedenfalls nicht viel Spaß mit dem 26-Jährigen. Als die ganze Veranstaltung vorbei war, hatte er von vier möglichen Goldmedaillen vier gewonnen. Deshalb kann er sich gegen seine Favoritenrolle in Pyeongchang auch gar nicht wehren. Er selbst sagt dazu nur: „Der Traum, auch dort mal ganz oben zu stehen, ist da.“

Eric Frenzel: Einer, der Johannes Rydzek in den Einzelwettbewerben das Leben so schwer wie möglich machen will, kommt aus dem eigenen Team: Eric Frenzel. Der 29-Jährige weiß zumindest, wie man Siege einfährt. Er gewann den Gesamt-Weltcup fünfmal in Folge, nennt insgesamt zwölf WM-Medaillen sein eigen – und hat auch schon einen kompletten olympischen Medaillensatz (Gold, Silber, Bronze) zu Hause. Aber darauf ausruhen wird er sich sicher nicht. Sein Motto lautet: „Wenn ich denke, ich bin wer, habe ich aufgehört, was zu werden.“

Natalie Geisenberger: Es gibt Menschen, die kommen angesichts von Frauen-Rodel-Wettkämpfen bei Olympischen Spielen schon mal etwas ins Schleudern. Sie schauen sich die Ergebnislisten an, schütteln verwirrt den Kopf und brummen dann: „Deutsche Meisterschaften sind ja nicht verwerflich – aber warum müssen sie die hier austragen?“ Denn: Im Rodeln gilt es schon als kleine Sensation, wenn mal keine deutsche Pilotin triumphiert. Natalie Geisenberger beispielsweise gewann den Gesamt-Weltcup in den vergangenen fünf Jahren fünfmal. Natürlich holte sie 2014 in Sotschi auch olympisches Gold. Als sie das erste Mal auf der Bahn von Pyeongchang unterwegs war, schwand ihr Glaube an eine Wiederholung allerdings von Kurve zu Kurve mehr: „Ich dachte nur: Das wird eine Katastrophe.“ Mittlerweile haben sich Natalie Geisenberger und die Bahn aber aneinander gewöhnt. Vielleicht werden sie im Februar sogar noch richtig gute Freunde.

Felix Loch: Viele Deutsche denken beim Thema Rodeln vor allem an Georg Hackl, einen kernigen Bayern, der die Weltspitze jahrelang dominierte und dreimal in Folge Gold gewann. Rodel-Rekord. Felix Loch könnte in Pyeongchang gleichziehen. „Das wäre natürlich etwas Besonderes“, gibt er zu, „aber das kann man nicht erzwingen.“

Viktoria Rebensburg: Die 28-Jährige weiß, wie es ist, Olympiasiegerin zu werden. 2010 in Vancouver triumphierte sie im Riesenslalom, was recht überraschend kam. Auch für sie selbst, sie hatte zuvor noch kein Weltcuprennen gewonnen. „Das war verrückt damals“, sagt sie. Mittlerweile findet sich ihr Name auf jeder Favoritenliste. Doch darüber reden wollte Viktoria Rebensburg zu Saisonbeginn nicht. Sie weiß, was in einem Winter alles passieren kann. Was sie aber auch weiß: Sie hat sich top vorbereitet – und zwar auch in den wärmeren Monaten: „Erfolgreiche Wintersportler werden im Sommer gemacht.“

 

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