sportslife

AUSGABE: 02/2018

Fotos und Text: Paul Nehf

Des Kaisers große Träume

An der hügeligen Hauptstraße, die einmal quer durch Limbe führt, hängt ein großes Plakat, von dem Samuel Eto’o mit breitem Grinsen auf die Passanten hinabblickt. „Eto’o kann es“ prangt in großen Lettern auf seiner Baseballkappe – und darunter der Slogan: „Eto’o kann alles. Und du auch.“

shutterstock_477374065Obwohl es bei der Werbung eines Mobilfunkanbieters um das größte Datenvolumen und das beste Handynetz geht, wirkt es wie eine Botschaft von Kameruns berühmtestem Fußballspieler an die jungen Nachwuchskicker, die sich ein paar hundert Meter weiter vor dem schweren Eingangstor zum Stadion zusammengefunden haben. Sie spielen in den kommenden Tagen beim „Tournoi de Limbe“ nicht nur um den Sieg, sondern – viel wichtiger – um einen Eintrag in die Notizbücher der europäischen Scouts, die extra für dieses Event nach Kamerun gereist sind. Sie wollen in Eto’os Fußstapfen treten.

Doch zunächst einmal beginnt das Turnier so, wie es leider typisch für Afrika ist: mit einem organisatorischen Problem. Die Stadtverwaltung will das Stadion mit dem nagelneuen Kunstrasenplatz nicht freigeben. „Jeder will sich nur bereichern“, schimpft ein Trainer. Am Ende bleibt es dabei: Der ganze Tross muss sich wieder in Bewegung setzen, gespielt wird nun doch auf einem holprigen Rasenplatz etwas außerhalb der Stadt, an dem eine kleine, baufällige Tribüne steht. Unmut kommt bei den Spielern jedoch nicht auf. In Kamerun, wo Jugendteams in der Regel auf sandigen Feldern oder unebenen Wiesen trainieren, kennt man keinen Ärger über Platzverhältnisse.

Außerdem ist für solche Nebensächlichkeiten kein Platz, sagt der 16 Jahre alte Verteidiger von Kameruns Spitzenklub Union Douala, der von seinen Kameraden nur „Kaiser“ genannt wird – in Anlehnung an Franz Beckenbauer natürlich. Kaiser hat schlecht geschlafen: „Ich träume jede Nacht davon, Profi im Ausland zu werden“, erzählt er, „ich lebe einzig in der Hoffnung, dass dieser Tag mit Gottes Hilfe kommt.“

 

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Kaisers Hoffnung auf die große Karriere ist eng mit diesem Turnier verbunden. Nur selten haben kamerunische Nachwuchsspieler die Gelegenheit, sich  europäischen Scouts zu präsentieren. Und als Kaiser mit seinem Team wenig später am Spielfeldrand Aufstellung nimmt, haben auf der Tribüne bereits eine ganze Menge Talentsucher Platz genommen: Manchester United, Olympique Lyon und viele weitere Vereine haben Scouts nach Limbe geschickt – ein Zeichen für den guten Ruf des Turniers. Deutsche Klubs sind nicht vertreten. Zu streng sind in Deutschland die Regelungen; sie verbieten es, junge Afrikaner in der A-Jugend oder Reservemannschaft einzusetzen, was für die Entwicklung oft nötig wäre. Ein Transfer ist für einen Bundesligaklub deshalb ein hohes Risiko.

48 Teams in drei Alterskategorien duellieren sich während der Turnierwoche in Limbe. Gut 300 Spieler sind es allein in der U18-Kategorie. Nur eine Handvoll von ihnen wird es später als Profi in das Fußballmekka Europa schaffen; einige werden in anderen Ländern spielen, etwa in der arabischen Welt, wo man wenigstens gutes Geld verdienen kann. Doch die allermeisten werden in Afrika bleiben müssen. Geplatzte Träume findet man in den lokalen Ligen jede Menge.

Es ist bereits das fünfte Spiel des Tages, und nicht nur die Spieler auf dem Rasen, sondern auch die Scouts auf der Tribüne sind von der schwülen Mittagshitze gezeichnet. Giovanni Gullo vom OGC Nizza schlagen die Temperaturen langsam aufs Gemüt. Der Italiener, 61 Jahre alt, mit grauen, nach oben geföhnten Haaren und wachen Augen, ist wütend: „Die Nummer 8 – wie alt soll der sein?“, fragt er und gibt sich die Antwort gleich selbst: „18 Jahre? Impossible!“

 

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Karriere-Booster: Talentscout Giovanni Gullo hat u. a. Zinédine Zidane und Crisitiano Ronaldo groß gemacht

Gullo kommt seit Jahrzehnten nach Afrika. Und ärgert sich doch immer wieder, wenn manche Teams beim Alter der Spieler betrügen. In Ländern, wo Geburtsurkunden eher Ausnahme als Regel sind, glauben viele Vereinsfunktionäre, dass es von Vorteil ist, seine Spieler auf dem Papier das eine oder andere Jahr jünger zu machen.

Das ist es natürlich nicht, denn genau darauf achten die Scouts besonders. Ist ein Spieler nur deshalb besser, weil er körperliche Vorteile ausspielen kann, oder weil er der bessere Fußballer ist? Aber auch: Ist ein Spieler, obwohl das Alter nicht stimmen kann, trotzdem ein Toptalent? „Wären nur afrikanische Spieler mit korrektem Alter nach Europa gekommen, würden wir heute einige Weltstars vermissen“, sagt Gullo. Vor einem Jahr hat er in Kamerun ein echtes Juwel gefunden. Gullo zieht sein Smartphone hervor, entsperrt es mit dem Abdruck seines Zeigefingers und öffnet den Ordner mit seinen Dokumenten. Er scrollt vorbei an Titeln wie 1989 Zinédine Zidane, 1996 Victor Agali oder 2001 Cristiano Ronaldo – alles Spieler, die er seinerzeit in Diensten italienischer Spitzenklubs seinen Vorgesetzten ans Herz gelegt hatte. „Voilà“, sagt Gullo und klickt auf „2016 Ignatius Ganago“.

Ganago, damals Stürmer der Elite-Fußballschule „Les Brasseries“, die das Turnier in Limbe jedes Jahr organisiert, war seinerzeit der Star des U18-Wettbewerbs und schoss ein Tor nach dem anderen. Mittlerweile spielt er auf Empfehlung Gullos in Nizza – und wird dort bereits regelmäßig für Mario Balotelli eingewechselt.

Die Geschichte Ganagos hat sich unter Kameruns Talenten natürlich längst herumgesprochen. Für Kaiser und all die anderen ist er ein Vorbild – und der Beweis, dass die Hoffnung auf eine Profikarriere in Europa lebt.

 

Unknown

Paul Nehf
ist Journalist, Fußballscout und Afrika-Fan. Er schreibt u. a. für 11 Freunde, die Zeit und die FAZ.

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