sportslife

AUSGABE: 02/2018

Hat Blumenkohl Gefühle?

getraenk

Du bist, was du isst. So heißt es. Demnach bin ich ein Ingwerdöner. Ich versuche mich nach bestem Wissen und Gewissen gesund zu ernähren und lege darauf auch relativ großen Wert. Die Betonung liegt auf relativ. So sehr ich Ingwer, Brokkoli und Sauerkraut liebe, so sehr liebe ich auch Döner, Burger und knuspriges Hühnchen süß-sauer. Mir ist durchaus bewusst, dass man (so gut es geht) auf Zucker verzichten, mehr Obst und Gemüse essen, viel Wasser trinken und keine Salamipizza als Gute-Nacht-Snack zu sich nehmen sollte. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass man heutzutage out ist, sobald man sich nicht krampfhaft „hip“ ernährt. Vor allem, wenn man sein akribisch angerichtetes Superfood-Müsli nicht auf Instagram postet. Allein schon wenn ich das Wort „Superfood“ höre, muss ich schmunzeln. Nein, ich bin nicht hip. Ich schnipple mir noch die altmodische Banane in mein langweiliges Haferflocken-Müsli. Bis dato dachte ich, dass Aronia, Chlorella und Moringa die Cousinen von Arielle, der Meerjungfrau, seien. So viel zum Thema Superfood. Ich lege auch keinen großen Wert auf Ernährungstrends, die von Madonna oder den Kardashian-Schwestern vorgegeben werden. „Wie, du ernährst dich nicht paläo-vegan? Und was ist mit Clean Eating? Achtest du zumindest auf einen niedrigen glykämischen Index?“ Hä? Mein Gesichtsausdruck zeigt eine Mischung aus Ratlosigkeit, Verwirrung und „Hör auf zu klugscheißern, sonst esse ich meinen phosphathaltigen Döner extralangsam vor deinen Augen“.

pommes_eisNoch outer ist, wer heutzutage keine Lebensmittelunverträglichkeit aufweist. Mal ganz ehrlich, diese neumodischen Krankheitserscheinungen gab es doch in diesem Ausmaß vor zehn Jahren nicht. Da hat noch jeder quietschfidel gegessen und getrunken, wonach ihm war. Vielleicht gab’s danach mal hier und da ein wenig Trouble im Magen-Darm-Trakt. Aber krank? Nein, damals galt man nicht als krank, wenn man einen Joghurt gegessen hat. Heute ist gefühlt jeder Zweite laktose- und/oder fruktoseintolerant. Der Dritte verträgt kein Histamin. Und die restlichen Hypochonder meiden Gluten und Stärke wie der Teufel das Weihwasser. Gott sei Dank gehöre ich nicht zu den flatulenzgeplagten Menschen und kann mir im Restaurant wesentlich mehr zum Essen bestellen als ein Blatt Papier mit Eiswürfel als Beilage.

Während ich in der Mittagspause mein wahrscheinlich antibiotikaverseuchtes Schnitzel verzehre, lasse ich mir von unserer 20-jährigen Azubine erklären, warum sie aus Überzeugung Veganerin ist. Zusammengefasst lautet die vernichtende Aussage: Zum einen der Umwelt zuliebe, zum anderen tun ihr natürlich die Tiere leid. Mal abgesehen davon, dass das verarbeitete Fleisch krebserregend sein kann und Milch voll mit Hormonen und Eiterzellen ist. Daraufhin musste ich leider meinen Latte macchiato in den Abfluss kippen.

burger_pizzaIch: „Und warum gehst du nicht eine Stufe weiter und wirst Frutarier*?“ Sie: „Weil Pflanzen dumm sind. Die haben ja kein Gehirn, kein Nervensystem und somit keine Gefühle.“ Frutarier nehmen also Rücksicht auf das Wohlbefinden eines Blumenkohls?! „Verrückte Welt“, geht es mir durch den Kopf, und ich esse einen weiteren Bissen meines Schnitzels.

Ich verurteile ja niemanden. Leben und leben lassen. Solange es einem gut dabei geht, kann man meinetwegen auch Rücksicht auf die Gefühle von Salzkörnern nehmen. Ich vertrete nur die Meinung, dass dieser ganze hippe Ernährungstrend nichts anderes ist als das Einhorn oder der Flamingo unter den Marketinginstrumenten. Die Wirtschaft springt auf den Zug „Megatrend Gesundheit“ auf und verkauft Bestehendes in Grün – und in Teuer. Superfood, ergo superteuer. Man verpacke ein altes Konzept wie beispielsweise „gesunde vollwertige Ernährung“ in Anglizismen, in diesem Fall „Clean Eating“, und taaadaaa, der Einhorn-Stempel verschafft der Industrie Kohle. Und natürlich kann man sich weismachen lassen, dass exotische Gojibeeren oder Chiasamen besonders gesund sind. Ich vermute nur, dass regionale Alternativen mindestens genauso effektiv und gesund sind. On top schonen sie noch den Geldbeutel. In diesem Sinne: Lasst es euch schmecken, egal wie.

Eure Tamara

* Veganer, die sich nur von pflanzlichen Produkten ernähren, deren Gewinnung die Pflanze nicht schädigt. Also quasi Fallobst.

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